Heimatkreis Braunau / Sudetenland e.V.

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Auswanderung nach Chile

Chile ist ein landschaftlich faszinierender Landstrich, der sich über 4.800 km entlang der Pazifikküste von der antarktischen Region Feuerlands bis zur Atacamawüste, der trockensten Region der Welt, erstreckt. Deutsche Siedler, die nicht nur aus Böhmen, sondern auch aus Tirol, Schlesien, Hessen, Württemberg, Brandenburg und anderen Gebieten des schon im 19. Jahrhundert überbevölkerten Deutschen Reiches kamen, wählten sich als neue Heimat die mittlere Region des langgestreckten Landes. Es ist eine reizvolle Seen- und Gebirgslandschaft mit saftigen Weiden, vielen Wäldern und Flüssen. Von den Alpen unterscheidet sich die Landschaft durch die markanten Schichtvulkane, den Osorno am Llanquihue-See und den Calbuco, die wie große Dreiecke mit weißer, schneebedeckter Spitze in den Himmel ragen. 

Vulkan Orsono
Lago Llanquihue

Der Vulkan Orsono am Lago Llanquihue, dem Siedlungsgebiet der nach Chile ausgewanderten Braunauer

Auf der Landkarte steht der Ort Nueva Braunau, also Neu Braunau, gegründet im Jahr 1877. Nicht weit entfernt liegt die Stadt Puerto Montt, wo Familien aus dem Braunauer Ländchen und Schlesien mit Segelschiffen in den 1870er Jahren an Land gingen. Die ersten Familien namens Hofmann, Kahler, Klinke, Lehmann und Opitz kamen hier mit insgesamt 23 Personen auf dem Schiff „Wandrahm“ am 29.2.1872 an. Es folgten ein Jahr später auf der „San Francisco“ 71 Personen, 1874 erreichten die „Ceres“ und die „Etienne“ vom Hamburger Hafen aus Puerto Montt, so dass insgesamt etwa 260 Personen aus dem Braunauer Ländchen in Chile ihr Glück suchten. Sie kamen aus Barzdorf, Weckersdorf, Ruppersdorf, Dittersbach, Ottendorf, Schönau, Heinzendorf, Märzdorf, Rosenthal, Großdorf, Hermsdorf, Wiesen, Birkigt, Hauptmannsdorf und Löchau. Ihnen wurde Land in der Region Puerto Octay, Quilanto und an den Hängen des Vulkans Calbuco zugewiesen.

Auswandererschiff Ceres
Auswanderer Weisser und Werner

Die „Ceres“ brachte 1874 Josef Hofmann Weisser, geb. 1843 in Weckersdorf, und Margarethe Scholz Werner, geb. 1854 in Märzdorf, nach Chile.

Im Auftrag des Präsidenten Chiles Manuel Montt organisierten Vincente Peres Rosales und der preußische Seemann Bernhard Philippe als Kolonisationsbeauftragte der chilenischen Regierung schon ab 1855 die Besiedlung der Region Valdivia und LLanquihue, in der eigentlich die eingeborenen Mapuche wohnten. Sie warben dazu im gesamten Deutschen Reich und Österreich. Auf den Bronzetafeln des Denkmals „Unsere Ahnen“ in Frutilar am Lago Llanquihue finden sich die Namen der deutschen Familien, die hier zuerst ankamen: Appel, Backhaus, Hess, Gebauer, Müller, Hitschfeld, etc. 

Denkmal "Unsern Ahnen"
Frutilar

Denkmal „Unsern Ahnen“ in Erinnerung an die ersten deutschen Einwanderer in Frutilar

Mit Hilfe der Bundesrepublik Deutschland und der Universität in Valdivia entstand in Frutilar ein Freilichtmuseum mit Schmiede und Mühle, in dem die Geschichte der deutschen Besiedlung erläutert wird. Im schön restaurierten herrschaftlichen Holzhaus findet sich ein Familienbild des Ehepaares August Opitz Hitschfeld und Emilia Wittwer Gebauer aus Ruppersdorf aus dem Jahr 1925 und der Familie Teuber Heidel aus Barzdorf bei Braunau aus dem Jahr 1907 (Foto).

Familie Teuber Heidel

In Nueva Braunau, der ältesten Siedlung, finden sich allerdings nur wenige Spuren, die direkt nach Böhmen verweisen. Die Kirche gilt als die erste ihrer Art in der Region. Sie ist schlicht aus weiß gestrichenen Holzbalken errichtet, ein kleiner Friedhof mit deutschen Grabsteinen findet sich gleich daneben. Einige alte, dunkel getünchte Holzhäuschen erinnern noch an die böhmische Heimat, sind heute allerdings meist unbewohnt. Die ehemals deutschen Siedler sind über die Generationen hinweg nach den ersten entbehrungsreichen Jahren schnell in der chilenischen Gesellschaft angekommen und leben heute nicht mehr in der kleinen Ortschaft, sondern in größeren Häusern auf dem Land und vor allem in der Stadt. 

Nueva Braunau
Nueva Braunau

Am Ortsausgang findet sich ein Hinweis auf das Museo Aleman der Familie Felmer, das sich in einer ehemaligen Holzscheune neben dem alten Bauernhaus befindet. Herr Antonio Felmer Niklitschek hat hier zahlreiche Einrichtungsgegenstände der ersten Siedler gesammelt. Man kann viel über die bäuerliche Lebensweise, die aus Böhmen und Schlesien ins ferne Chile kam, erfahren. 

Museo Aleman

Das Museum Felmer in Nueva Braunau, in dem Einrichtungsgegenstände und bäuerliches Gerät der deutschen Siedler ausgestellt wird.

Weitere deutsche Spuren finden sich im nahen Puerto Varas, dem Zentrum der deutschen Besiedlung am Ufer des Llanquihue-Sees, der majestätisch vom Vulkan Orsono überragt wird. Entlang eines historischen Rundweges kann man die alten Villen betrachten, die noch deutsche Namen tragen wie z.B. die „Villa Kuschel“ aus den 1930er Jahren. Die Chilenen mit deutschen Vorfahren haben hier großen Landbesitz erworben und gepflegte Hotels und Restaurants errichtet. Es gibt gleich zwei deutsche Schulen, die aber nicht nur von Kindern mit deutschen Wurzeln besucht werden. Die deutsche Sprache hat sich vor allem in den katholischen Familien sehr schnell verloren. In den evangelischen Familien blieb sie durch die Gottesdienstsprache länger erhalten. Durch den Besuch deutscher Schulen wird sie noch am Leben erhalten, auch wenn die Familien die spanische Umgangssprache pflegen. Wünschenswert wäre eine wissenschaftliche Erforschung der deutschen Besiedlung, Ihr Fleiß und ihre Ausdauer haben den Siedlern in der Neuen Welt ein gesichertes Leben und Ansehen verschafft. Ihre deutschen Wurzeln sind heute zumindest ein Reflex aus einer früheren Zeit, auf den sie sich heute noch gerne berufen.

 

Karen Flöter